Pfarramt

Liebe Schwestern und Brüder!


Der Sommer soll ja die Zeit der Leichtigkeit und der Freude am Leben sein. Doch oft gelingt dies nicht so, wie wir es uns wünschen. Ein Blick in die Welt lässt uns schon von Krisen reden. Und auch im Kleinen, wenn uns das Leben zu viel wird oder es einfach nicht so läuft wie gewünscht, kommt uns das Wort „Krise“ über die Lippen. So soll dieser Beitrag des Gemeindebriefes uns inspirieren und stärken um über den Sommer wieder krisenfester zu werden. Er basiert auf einem Auszug einer
Thesenreihe darüber, wie heute Theologie sinnvoll gedacht werden kann, geschrieben O. Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner. Er lehrte über 33 Jahre an dem Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Universität Wien.

Wir leben in Krisenzeiten
Krisen sind die Signatur der Gegenwart. Ob Corona-Krise, Klimakrise oder Kirchenkrise, oder jetzt natürlich ganz massiv die weltweit empfundene Krise aufgrund der schrecklichen Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten– der Krisenbegriff und Krisenrhetorik bestimmen die aktuellen Diskurse, wie eine flüchtige Google-Recherche zeigt. Zu Klimakrise findet man rund 4,4 Millionen Einträge. Verwandte Begriffe sind Umweltkrise (78.800 Ergebnisse) und ökologische Krise (1,59 Millionen Einträge). Noch häufiger taucht das Schlagwort „Corona-Krise“ auf (5,8 Millionen Mal). Für das Stichwort „Kirchenkrise“ gibt es dagegen nur 180.000 Suchergebnisse, was ein Indiz dafür ist, dass dieses Thema außerhalb der Kirchen die Menschen weit weniger als in Kirchenkreisen bewegt. Der Ruf zur Neuorientierung ist fester Bestandteil jeder Krisenrhetorik. Sie hat Appellcharakter, sei es, dass zur Umkehr aufgerufen wird, um die endgültige Katastrophe noch im letzten Moment abzuwenden – es ist fünf vor zwölf! –, sei es, dass die Krise als Chance beschworen wird, frei nach Hölderlins Versen aus seinem Gedicht „Patmos“: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ Getreu dem Sprichwort: „Not lehrt beten“ sollte man annehmen, das Krisenzeiten Hochzeiten für Religion und Kirchen sind. Das aber ist augenscheinlich heute nicht der Fall, jedenfalls nicht in unseren Breitengraden. Nehmen wir zum Beispiel die Klimakrise. Die Kirchen engagieren sich seit Jahrzehnten für den Umweltschutz. Sie nennen es Bewahrung der Schöpfung. Der weltweite konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung erzielte in den 1980er-Jahren größere Aufmerksamkeit, ist aber längst kein gesellschaftlicher Motor mehr für Veränderungsprozesse. Analog zur Bewegung „Fridays for Future“ gibt es zum Beispiel in Österreich eine interreligiöse Initiative „Religions for Future“. Aber das Beispiel zeigt, dass die Kirchen vom „Vortrupp des Lebens“, wie sie einst Helmut Gollwitzer bezeichnet hat, zur Nachschubtruppe geworden, die gelegentlich etwas gekränkt an die eigene Pionierrolle vor mehr als einer Generation erinnern.

Von Gott neu sprechen
Von Gott können wir nur sprechen, wenn er selbst auf neue Weise zur Sprache kommt. Dass dies auch heute geschehen kann, bleibt die Verheißung der biblischen Überlieferung, die uns zugemutet wird. Es gehört zu den Zumutungen des Neuen Testaments zu glauben, dass selbst die abgründigen Erfahrungen von Gottes Schweigen in der heutigen Welt durchdrungen sind vom befreienden Wort des Evangeliums, dass Gottes Schweigen, dessen Erfahrung überhaupt nicht zu leugnen ist, sein Reden nicht dementieren kann.

Warten auf Gottes Zeit
Theologie in der Krise – im doppelten Sinne des Wortes – und Theologie für die Krise hat die Aufgabe zu warten: zu warten auf den je neuen Einbruch Gottes in die Welt, auf sein Kommen und darauf, dass er auf neue Weise zu uns Menschen spricht, indem die Sprache der biblischen Überlieferung für uns auf neue Weise sprechend und ansprechend wird. Solche Krisentheologie ist gerade nicht resignativ, sondern höchst erwartungsvoll. Das Warten auf die Offenbarung bzw. die Wiederkunft Christi auf die Herrlichkeit Gottes und einen neuen Himmel und eine neue Erde ist ein Grundmotiv im ganzen Neuen Testament. Vom Warten sprechen wir nicht nur in der Bedeutung des Abwartens, sondern auch im Sinne des Hegens und Pflegens (Wartungs-dienst), im Sinne der Vorbereitung auf das, was kommen mag und also auch im Sinne der Wachsamkeit, zu der die Christen im Neuen Testament aufgerufen werden. Paulus: „Wir warten im Geist und aus Glauben auf die Erfüllung unserer Hoffnung: die Gerechtigkeit“ (Galater 5,5). Eine wartende Kirche „wartet, indem sie arbeitet“ (Dietrich Bonhoeffer). Theologie, die sich mit letzter Redlichkeit einer Situation stellt, in welcher der christliche Glaube eben nicht fraglos gegeben ist, ist wartende Theologie, die nicht zu allem und jedem etwas zu sagen hat, sondern bisweilen nur qualifiziert schweigen kann und auch in Glaubensfragen ihre Sprachnot nicht kaschiert. Sie ist ferner in dem Sinne wartende Theologie, dass sie das Erbe des biblischen Zeugnisses hütet, getragen von der Hoffnung, dass es neu zu sprechen beginnt. Wartende Theologie dient der Einübung in ein Christ sein, das, wie Bonhoeffer gesagt hat, in dreierlei besteht, nämlich nicht nur im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen, sondern auch im Warten auf Gottes Zeit.
(Die vorliegende Thesenreihe fußt auf einem Vortrag, den der Verfasser am 16. Februar 2022 vor dem Allgemeinen Pfarrkonvent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg gehalten hat. Entnommen aus der Zeitschrift „Zeitzeichen“, März 2022)
In diesem Sinn, „nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehen an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit!“
(EG 394)
Einen gesegneten Sommer wünscht

Ihre/Eure

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